Jeder dritte Vater nimmt Elternzeit

Montag, 14.Mai.2018

Auch in Südharzer Männerdomänen setzt sich der Trend durch. Die wenigsten bleiben ein ganzes Jahr zuhause


Sebastian Lochner hat eine tiefe Verbindung zu seiner Eva, die hier seinen Arbeitsplatz inspiziert. Die Elternzeit, sagt er, war eine intensive Zeit. Foto: Marco Kneise

Norman Raddei hat es nicht bereut. Ein ganzes Jahr zuhause mit dem frisch geborenen Sohn. „Ich würde es wieder tun“, sagt der Mitarbeiter des Kurbelwellenherstellers Feuer Powertrain, mit Fläschchen, mit Windel wechseln. Die ersten Schritte mitzuerleben, das sei einfach großartig. Auch der ältere Sohn genoss, dass der Papa zuhause war.

Das ist gerade einmal drei Jahre her. Seitdem hat sich in der Frage, wer Elternzeit nimmt, viel getan. Er sei damals schon von einigen belächelt worden, meint Raddei. Inzwischen entschließen sich aber immer mehr Väter, die wertvolle Zeit, die ihnen der Gesetzgeber gewährt, in Anspruch zu nehmen. Nur eines hemmt sie vielleicht noch: der stark absackende Lohn während dieser Zeit. In Raddeis Fall hatte dies tatsächlich den Ausschlag gegeben. Sein Verdienst ist geringer als der der Frau. So entschloss man sich, dass der Mann daheim bleibt.

Wer in Elternzeit geht, bekommt mindestens 65 Prozent des nach der Geburt des Kindes wegfallenden monatlichen Einkommens. Die Anträge auf dieses Elterngeld sind im Landratsamt zu stellen. Das hatte allein vergangenes Jahr 1108 Fälle zu bearbeiten.

Elternzeit ist auch eine Frage der Entlohnung

Der Behörde zufolge geht etwa jeder dritte Vater in Elternzeit. „32 Prozent aller Anträge beziehen sich auf Familien, in denen neben der Mutter auch der Vater Elterngeld beantragt“, so Sprecherin Jessica Piper. Allerdings nimmt das männliche Geschlecht im Durchschnitt diese Auszeit mit dem eigenen Nachwuchs nur für zwei Monate – genau diese Zeitspanne ist es, die der Staat zusätzlich gewährt, bleiben beide Elternteile zuhause. Geht nur der Vater oder nur die Mutter in Elternzeit, gibt es lediglich ein Jahr Elterngeld.

Zwei Monate Elternzeit – die Unternehmen stellt das vor besondere Herausforderungen: „Für zwei Monate findet man keine Vertretung“, schildert Anne Funk, Personalleiterin im Südharz-Klinikum. Im Schnitt, sagt sie, blieben Väter voriges Jahr 2,64 Monate daheim, 2014 waren es noch 1,75 Monate.

Das Team müsse die Aufgaben des Vaters mittragen, mitunter werden dafür befristete Arbeitszeiterhöhungen vereinbart. Auch helfen sich die Stationen bei Bedarf untereinander aus.

Im Südharz-Klinikum scheint es auch für die männlichen Beschäftigten inzwischen so selbstverständlich wie für die Frauen zu sein, die Elternzeit zu nutzen: Auf sie entfielen voriges Jahr 22 Prozent der insgesamt 51 Elternzeit-Fälle – genau ein Prozentpunkt weniger als ihr Anteil an der Gesamtbeschäftigtenzahl.

Auch in männerdominierten Nordhäuser Betrieben ist die Gleichberechtigung inzwischen angekommen. Bei Powertrain sind 86 Prozent der Belegschaft männlich. Von den 548 Herren nahmen in den vergangenen zweieinhalb Jahren 25 Elternzeit. Bis auf Norman Raddei allerdings alle nur zwei Monate, sagt Personalreferentin Karen Schiek. Ähnlich bei Schachtbau. Dort nutzten von 751 Männern 16 die Chance auf ihre zwei Monate. Tendenz steigend, sagt Personalleiter René Zimprich. Und betont, dass der Betrieb hinter der Elternzeit für Männer steht. Die meisten nähmen einen Monat nach der Geburt und dann noch einmal vier Wochen während der Eingewöhnung in den Kindergarten. Dass diese Zeit gewährt wird, dazu gebe es „null Diskussionen“ und eine hohe Akzeptanz.

Das sieht auch Doris König vom Bauunternehmen Henning in Urbach so. Man finde immer einen Weg, dies sozialverträglich zu gestalten. Noch hält sich die Nachfrage allerdings in Grenzen. Drei Männer nutzten bisher die Chance, zuletzt Sebastian Lochner. Er teilte die zwei Monate so auf, dass der Arbeitgeber damit gut leben konnte, blieb jeweils im Februar bei seiner kleinen Eva, die am 21. Dezember 2016 zur Welt kam und heute oft „Papa“ sagt – vielleicht auch wegen der intensiven Zeit mit ihr. Der Zimmerer-Bauleiter würde die Chance einer Elternzeit wieder ergreifen. „Wer es nicht macht, vergibt sich etwas im Leben.“

Im jungen Elternglück ist Sebastian Rühle. Am 26. April bekam der Herreder Nachwuchs. Gern würde der Industriearbeiter zwei Monate Auszeit nehmen. Wenn da nicht die Finanzen wären. „Es ist schon erheblich weniger, und alle Zuschläge für Schichten et cetera entfallen“, legt sich seine Stirn in Falten. Sollte er es machen, dann am Stück in der Übergangszeit zum Kindergarten. Bereuen würde er es sicher nicht. Niemand, der nach zwei Monaten zurückkehrte, hat es bereut.