Neue Spitze im größten Unternehmen von Urbach: Mit Mitte 30 ganz oben

Freitag, 24.Januar.2020

TA Artikel als PDF

 

Ob es ein gutes Jahr werde? Nick König (38) lacht kurz auf. „Ein arbeitsreiches wird es“, sagt er dann. Ein besonderes ist es bereits: Zu Monatsbeginn trat er gemeinsam mit seiner Schwester Alexandra Lange (35) die Geschäftsführung bei Henning Bau an. Beide stehen nun einem der größten Südharzer Familienunternehmen vor, tragen die Verantwortung für die Jobs von 97 Menschen.

 

Doris König stellt sich nun als „Beraterin“ jenes Unternehmens vor, das sie 17 Jahre lang leitete, das ihr Vater Günther Henning am 1. Februar 1990 – noch weit vor der Währungsreform – gegründet hat. Die von ihm zusammengetragene Sammlung von Baggermodellen holt Doris König jetzt gern für die Enkel aus der Glasvitrine – vielleicht werden die heute Zwei- bis Achtjährigen irgendwann die 4. Generation an der Spitze.

 

„Auch an den Wochenenden ging mir die Firma nicht aus dem Kopf"

 

„Der Zeitpunkt war günstig, das Unternehmen zu übertragen“, sagt die 60-Jährige. Nicht nur dessen Geschäftsführung, sondern auch dessen Gesellschafteranteile sind gemeint. Seit einem Jahr schon hätten Alexandra und Nick die Geschäfte selbst geführt. „Ich habe gesehen: Es läuft. Sie gehen mit Bedacht und Engagement ran. Und ich habe es verdient kürzerzutreten“, denkt Doris König an Zeiten zurück, die einzig von Arbeit geprägt waren. „Auch an den Wochenenden ging mir die Firma nicht aus dem Kopf.“

 

Ist dieses Leben reizvoll? Nick König tut sich schwer mit der Frage. Natürlich opfere man viel. Entscheidend sei die Erziehung, die Grundeinstellung: „Der innere Antrieb muss da sein.“ Außerdem: „Wir sind zu zweit in der Geschäftsführung, können uns in die Arbeit reinteilen.“

 

Er ist der Experte fürs Technische, sie fürs Kaufmännische. Während die kleine Schwester Katharina (30) als Unternehmensberaterin in London arbeitet, blicken die beiden Älteren auf zahlreiche Jahre im familiären Unternehmen zurück.

 

Nick König ist 38 Jahre alt, als er beim Großvater Maurer- und Betonbauer lernt. 2006 macht er seinen Meister. Er lernt nahezu alle Bereiche des Unternehmens kennen: Er sitzt auf Lkw und in Baggern, ist Bauleiter, kümmert sich um Einkauf und Kalkulation. Für eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann geht er zwischenzeitlich zum Baustoffhändler MSR. „Titel waren mir nie wichtig“, betont der junge Geschäftsführer. Doch seine Mutter ergänzt: „Ohne die Ausbildungen wärst du immer nur als mein Sohn betitelt worden. Mir war wichtig, dass meine Kinder immer alle sich ihnen bietenden Möglichkeiten nutzen.“

 

Nach dem ersten Lehrjahr für die Lohnbuchhalterin eingesprungen

 

Ihre große Tochter fordert sie nicht minder: Alexandra Lange hat gerade das erste Jahr ihrer Ausbildung zur Bürokauffrau hinter sich, als die Lohnbuchhalterin erkrankt. Die damals 17-Jährige springt ein: „Es hat mich viel Kraft gekostet – aber es hat mir auch viel Kraft geschenkt: So lernte ich, mich durchzubeißen.“ 2008 schließt sie ihre berufsbegleitende Fortbildung zur Betriebswirtin ab, ein Jahr darauf übernimmt sie die Leitung der Buchhaltung. Nun, ein Jahrzehnt später, ist sie die Chefin und schwärmt von den „Chancen und Möglichkeiten“, die sich ihr boten und bieten, vom Einfluss, den sie hat, um etwas zu verändern.

 

Wie die Mutter wollen sie und ihr Bruder eine Unternehmenskultur pflegen, die auf einem Miteinander beruht. Auf Verständnis. Auf kurzen Wegen. Die Namen aller Beschäftigten zu kennen, ist eine gute Basis. Dass einem Mitarbeiter wenn nötig bei einem Umzug oder in finanziellen Nöten geholfen wird, soll selbstverständlich bleiben.

 

Die Kunst, ein Unternehmen zu führen, bestehe darin, sich zum einen selbst etwas zuzutrauen, zum anderen, auch auf andere zu hören, ihre Vorschläge abzuwägen, sagt Doris König. Bloß keine Fehler zuzugeben, sei wirklich „nicht mehr in“. Als Frau in einer männerdominierten Branche zu arbeiten, damit habe sie kaum Probleme gehabt: „Von den meisten wurde meine Leistung bewertet“, erzählt die Diplom-Ingenieurin für Schwermaschinenbau.

 

Für den Chefposten bei der IFA fehlt das Parteibuch

 

Mit 27 Kommilitonen begann sie einst ihr Studium, vier davon waren Frauen. Geschafft hatten den Abschluss letztlich zwei Frauen und zehn Männer. Während sie anschließend als Maschinenbaukonstrukteurin bei der Nobas beginnt, ist ihr Vater bei der Zwischengenossenschaftlichen Bauorganisation (ZBO) Vorwärts in Nohra beschäftigt. Ein Silobau im Dorf gehört zu den ersten Bauten in dem von ihm entwickelten Gleitbau, mit dem der Guss von Bauteilen direkt auf der Baustelle möglich wurde. Ebenso die vor wenigen Jahren abgerissene Halle für die Fahrrad-Konsumgüterproduktion der IFA.

 

Bei den Motorenwerkern hält es Günther Henning nicht lange nach dem Mauerfall. „Er wollte immer Chef sein“, denkt Doris König zurück. Für einen Aufstieg bei der IFA fehlte ihm das SED-Parteibuch – den Mut aber hat er für den Weg in die Selbstständigkeit 1990. Während andere bangend abwarten und zögern, investiert er mit 57: in Schalungsmaterial und Baumaschinen. Ohne Kredite, Bürgschaften, Förderungen. Mit zehn Männern seiner IFA-Brigade, seiner Tochter und deren Mann fängt er an. Ein Wasserbehälter in Hachelbich ist das erste Projekt. Bis Jahresende schon steigt die Mitarbeiterzahl auf 50, ein Jahr später sind es doppelt so viele. Die Festhalle im Dorf, in Nordhausen das BMW-Autohaus und das frühere Herfag-Gebäude in der Rautenstraße sind erste Referenzen. Die Neue Lesserstiege, der Psychiatrie-Anbau am Südharz-Klinikum, das August-Kramer-Institut der Hochschule werden unter anderem folgen.

 

Doris König erinnert sich gern an die Umverlegung der Helme in Sundhausen, an die Außensportanlage an der Ellricher Regelschule, zuvorderst an die Marktpassage, für die sie den Tiefbau erledigte: „Die Leute haben sich so gefreut, dass es an diesem Loch endlich vorwärtsgeht, da machte das Arbeiten richtig Spaß.“ Pro Jahr setzt Henning Bau etwa 150 Projekte in Roh- und Tiefbau einschließlich Straßenbau um. „Etwa 800 bis 1000 Ausschreibungen, an denen wir uns beteiligen, stehen dem gegenüber“, schätzt Doris König. Parallel sind meist 20 bis 25 Baustellen zu beackern.

 

Neues Immobilienunternehmen ist zweites Standbein

 

Ein weiteres Standbein haben sich ihre beiden Nachfolger vor einem Jahr mit der Gründung der König & Lange Immobilien GmbH geschaffen: Die tritt als Investor auf, bietet sich als Erschließer von Baugebieten an, ist im Immobiliengeschäft tätig. Ein erstes Beispiel ist die Sanierung von Hauptstraße 137 in Bleicherode: Jahrelang war das Haus in der Altstadt verwaist, künftig soll es drei Eigentumswohnungen beherbergen.

 

Die Henning Unternehmensgruppe beschäftigt aktuell 97 Leute, erwirtschaftet im Jahr zwischen 15 und 18 Millionen Euro Umsatz. Für 2020 stehen bereits Aufträge über rund zehn Millionen Euro in den Büchern: einige Ein- und Mehrfamilienhäuser in Nordhausen sind darunter, die hiesigen Verkehrsbetriebe wollen die Ladeinfrastruktur für die neuen Elektrobusse von Henning Bau errichten lassen. In Apolda soll ein Pflegeheim entstehen – es ist das erste, derart große Projekt, bei dem die Urbacher als Generalunternehmer auftreten. „Man wirkt für die Kundschaft attraktiver, kann man alles aus einer Hand liefern“, hat Alexandra Lange beobachtet.

 

Ihre tägliche Arbeitszeit in Stunden zu bemessen, vermag sie nicht – will sie auch nicht. Zu groß ist die Leidenschaft, Unternehmerin zu sein. Am Abend vom Sofa aus noch eine Mail zu beantworten, sei nichts Negatives. Der Spagat zwischen Beruf und Familie, er gelinge ihnen auch dank ihrer Ehepartner, sagt Nick König, der wie seine Schwester zwei Kinder in seiner Familie weiß. Seine Frau Ulrike König arbeitet im Sekretariat des Unternehmens, seiner Schwester Mann, Thomas Lange, ist im Einkauf tätig und für den Fuhrpark zuständig.

 

„Unsere Partner unterstützen uns sehr“, zeigt sich Alexandra Lange dankbar. Auch sie selbst, erinnert sich Doris König, habe manch Hausaufgabe in ihrem Büro erledigt. Ihre Enkel sind auch ab und an in der Firma – „aber nun kann ich ja helfen“, freut sich die 60-Jährige auf ihre neue Aufgabe. Die natürlich nicht die einzige ist: In Freyburg an der Unstrut baute Henning vor Jahren eine Ferienanlage, die gelte es weiter zu betreiben. Auch im Vorstand der Handwerkskammer will Doris König weiterwirken.

 

Thüringer Allgemeine, Nordhäuser Allgemeine

Sonnabend,25.Januar 2020

Link zur Website TA: Neue Spitze im größten Unternehmen von Urbach